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Aufruf und Herausforderung: Soziale Gerechtigkeit und die Gemeinde vor Ort

08.09.2017

Ein Rückblick auf die Studientagung der ACKs HH und SH am 4.September 2017 im Kloster Nütschau

Was ist gerecht?

In einem sind sich alle Parteien einig, die am 24.September 2017 zur Bundestagswahl antreten: Sie wollen Gerechtigkeit! Nur versteht jede Partei etwas anderes unter Gerechtigkeit.

Vielleicht kennen Sie das Beispiel mit der Pizza:

Eine Familie sitzt an einem Tisch und in der Mitte steht eine Pizza. Alle beschäftigt vor allem eine Frage: Wer bekommt welches Stück?

Die Mutter ist die erste die zugreift und sich schnell das größte Stück sichert. Als der anderen protestieren, erklärt sie lapidar, dass sie findet, dass sich jeder das nehmen soll, was er will. Außerdem habe sie die Pizza gebacken und Leistung müsse belohnt werden.

Der Vater erklärt ihr darauf, dass ihr Verhalten ungerecht sei. Denn würde unsere Welt so funktionieren, dann würden immer nur die Schnellsten und Stärksten die großen Stücke bekommen. Schwächere Personen wären benachteiligt. Stattdessen solle doch der entscheiden, der die Pizza bezahlt habe. Und das sei schließlich er. Wer bezahle, dürfe auch entscheiden.

Daraufhin beschwert sich die älteste Tochter, das sei ungerecht, denn sie würde schließlich kein Geld verdienen. Nicht jeder verdiene gleich viel Geld und kann auch nicht gleich viel beitragen und bezahlen. Aber wenn er sein Gehalt mit ihr in gleichen Teilen mit ihr teile, dann könne sie gerne einmal über seinen Vorschlag nachdenken. Bis dahin, solle jeder ein gleich großes Stück erhalten und er müsse die Pizza eben noch einmal neu schneiden.

Diesem Vorschlag widerspricht ihr kleinerer Bruder vehement. Er findet, jeder solle sich so viel nehmen können, wie er braucht, um satt zu werden. Und da er von allen den größten Hunger hätte, sei klar, dass er das größte Stück bekomme und außerdem auch noch das zweitgrößte. Er sei schließlich im Wachstum. Worauf wiederum die zweitjüngste Tochter einwendet, dass sein Hungerempfinden doch sehr subjektiv sei und nicht messbar. Ob er also wirklich den größten Hunger habe, sei eine offene Frage.

Sie schlägt vor, dass nur ein demokratisch gewählter Vertreter der Gruppe eine gerechte Entscheidung treffen könne. Dieses Prinzip habe sich bewährt. Sie selbst würde sich für dieses Amt selbstverständlich zur Verfügung stellen, um sich konstruktiv an dem Lösungsfindungsprozess zu beteiligen.

Alles Quatsch, findet die jüngste Tochter. Sie fragt, ob sechs Stücke denn überhaupt reichen. Was sei denn, wenn ihre Freundin gleich zu Besuch käme? Solle diese leer ausgehen? Und was sei mit Morgen? Müsste man dafür nicht auch noch etwas zurücklegen?

Und so streiten und diskutieren die sechs heiß und leidenschaftlich, während die Pizza immer kälter und kälter wird.

Was aber ist gerecht?

Was hier am Mittagstisch geradezu komisch anmutet, ist eine echte Frage: Nach welchem Gerechtigkeitsprinzip urteilen und handeln wir in welchen Situationen? Nach dem Gleichheitsprinzip, dem Leistungsprinzip, dem Bedarfsprinzip oder dem Anrechtsprinzip?

Was ist gerecht? Und gibt es überhaupt so etwas wie soziale Gerechtigkeit? Dieser Frage gingen wir auf dem Studientag der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) in Hamburg und der ACK Schleswig-Holstein nach. Das Thema lautete: „Aufruf und Herausforderung: Soziale Gerechtigkeit und die Gemeinde vor Ort“.

In einem ersten Vortrag ging Prof.Dr. Hengsbach SJ der Frage nach, von welcher Gerechtigkeit wir in welchem Kontext sprechen und wie wir zu einem gemeinsamen Verständnis von Gerechtigkeit kommen können.

Besonders spannend fand ich die Herausforderungen der gegenwärtigen Situation, die sich mit folgenden Mythen herumschlagen muss. Diese benennt Hengsbach wie folgt:

(1) Das marktradikale Erbe: Der Markt ist seit den 80er Jahren die Grundform menschlicher Beziehungen. Der Mythos heißt: Der Markt gleicht unterschiedliche Bedürfnisse und Interessen der Menschen vorteilhafter aus als jede zentrale Steuerung. Die Ursachen wirtschaftlicher Störungen sind durch den Staat verursacht. Deshalb muss das privat(wirtschaftliche) Angebot immer Vorrang vor der öffentlichen Bereitstellung von Gütern haben.

(2) Der Leistungsmythos: Zwei Drittel der Bevölkerung ist davon überzeugt: „Wir leben in einer Leistungsgesellschaft.“ Was Leistung (nicht technisch) sozio-ökonomisch bedeutet, bleibt jedoch diffus. 60% der in einer Gesellschaft erbrachten Leistung wird dabei gar erfasst, weil sie außerhalb des Marktes erbracht wird (Ehrenamt, Familie, etc.). Hinzu kommt, dass in wohlhabenden Gesellschaften die Finanzwirtschaft die Realwirtschaft dominiert.

(3) Entregelte Arbeitsverhältnisse: „Deutschland geht es gut!“, so hören wir in diesen Tagen von den Wahlkämpfern der CDU: Beständiges Wirtschaftswachstum, ungewöhnliche Dynamik der Arbeitsmärkte, die Arbeitslosigkeit befindet sich auf einem Tiefstand. Zeitgleich ist die Zahl der atypischen Arbeitsverhältnisse gestiegen: Leiharbeit, unfreiwillige Teilzeitarbeit, flexible und prekäre Arbeit. Trotz des angeblichen Gleichgewichts auf dem Ausbildungsmarkt sind derzeit noch 50% der Jugendlichen, die eine Lehrstelle suchen, Altbewerber.

(4) Armutsrisiko und sozialer Ausschluss: Wer arm ist, darum wird in den Medien heftig gestritten? Ab wann bin ich arm und ab wann nicht mehr? Niedriglöhne, die durch staatliche Leistungen aufgestockt werden müssen, lassen Renten erwarten, die unter der Grundsicherung liegen. Der Begriff der „sozialen Armut“ charakterisiert dabei die Armut einer Bevölkerungsgruppe als politisch verursacht.

Wie kommt man also zu einer Definition von Gerechtigkeit, der alle zustimmen können? Die Antwort lautete:

Alle Mitglieder der Gesellschaft gerstehen sich als Freie und Gleiche wechselseitig und allgemein das Recht auf Rechtfertigung der gesellschaftlichen Verhältnisse zu. (Forst)

Das war interessanterweise fast wortwörtlich das Fazit des zweiten Vortrags von Prof.Dr. Spiegler (STA Friedensau). Er hinterfragte u.a. die Begriffe der Chancengerechtigkeit und Chancengleichheit. Schon der Wert der Gleichheit ist fraglich, denn hierunter würden auch gleich schlechte Chancen fallen. Auch ist die Achtung einer Person mehr wert als ihre Gleichheit. Aus diesem Grund seien gute Chancen auch besser als gleiche Chancen. Denn für eine echte Chancengleichheit müsste man alle Kinder ihren Eltern entziehen, damit sie unter gleichen Verhältnissen aufwachsen können. Aber auch dann bleibt eine Ungleichheit aufgrund der intellektuellen, handwerklichen, sozialen u.a. Kompetenzen. Echte Chancengleichheit gibt es daher nicht, auf ihr beruhe jedoch das Leitungsprinzip.

Alles in allem: Für mich war dieser Studientag erhellend. Denn er hat mich neu ins Fragen gebracht, welche Gesellschaftsform wie gerecht ist. Und bevor ich am 24.9.17 meine Kreuze mache, werde ich mir sicherlich noch einmal die Parteiprogramme im Hinblick auf die hier zu Grund liegende Gerechtigkeitsverständnisse anschauen.

Und: Überall dort, wo Chancengleichheit gefordert wird, denke ich mir meinen Teil.

Irgendwo habe ich mal eine Graphik gesehen, in der ein Elefant, eine Giraffe, ein Affe und ein Löwe jeweils vor einer Kokosnusspalme mit Kokusnüssen saßen. Daneben waren zwei Personen abgebildet, die sich einander versicherten, dass sie stolz darauf seien, für jeden von ihnen für die gleichen Chancen gesorgt zu haben.

Fotos: (c) Tina Hinz / ACK Hamburg